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Sevilla Babel

Ein Fenster nach Südeuropa

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21

04

2008

Wer umrechnet, verdirbt sich den Spaß!

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In Europa zu leben ist keine leichte Aufgabe für denjenigen, der sein Geld in im Vergleich zum Euro sehr schwachen Währungen verdient, und ebenso wenig für den, der in Ländern lebt, deren Lebenshaltungskosten, verglichen mit denen europäischer Länder, (sehr!) günstig sind. Wer unter diesem Problem wohl am meisten leidet, sind die lateinamerikanischen Studenten, so wie es bei mir der Fall ist (ich bin Brasilianerin) und bei Unzähligen mehr. Falls es jemand nicht weiß, die brasilianische Währung ist der Real, der etwa 0,38 Euro entspricht. Oder anders gesagt, um 1 Euro zu kaufen, braucht es 2,57 „reais“.

euro_notes.jpgWas kann man in Brasilien mit 2,57 reais machen? Oder besser, mit einem Euro? Nun gut, zunächst einmal kostet die Mensa der staatlichen Universität meiner Region (Santa Catarina) 1,50 reais (0,58 Euro). Dir bleiben noch 1,07 reais (oder 0,42 Euro), mit denen Du zum Nachtisch ein Eis essen oder 20 Kopien im Copy-Shop der Uni machen kannst. Hört sich wie ein Traum an, oder? Wenn Du ein wenig mehr ausgeben kannst, dann gibt es die Möglichkeit, für 30 reais (höchstens!) oder etwa 11,70 Euro, direkt am Meer, am berühmtesten und belebtesten Strand Südbrasiliens (Balneário Camboriú) in einem der besten Restaurants essen zu gehen.
Das erscheint Dir günstig? Das scheint nicht bloß so sondern ist es wirklich. Trotzdem ist es für die Leute, die dort arbeiten und in reais verdienen, ein richtiges Privileg (es sei denn, Du arbeitest das Jahr über besonders viel, um das Urlaubsgeld zu sparen), direkt am Meer essen zu gehen, aber wer da mit seinen teuren Euros ankommt, fühlt sich wie im Paradies. Jetzt stell Dir mal vor, was mit einem Studenten passiert, der aus Brasilien kommt und in irgendeiner Disko in Sevilla für seinen Longdrink 6,50 Euro bezahlt. Er wird schlichtweg verrückt, wenn er sich ausmalt, was er in Brasilien alles mit diesen 16,70 reais machen würde. Er könnte immerhin vier Mal ins Kino gehen (wenn er seinen Studentenausweis vorzeigt) y hätte noch 2,70 reais übrig, um sich zwei kleine Tüten Popcorn zu kaufen.

Na ja gut, ich möchte ja nicht ungerecht sein. Nicht in allen Diskos in Sevilla verlangen sie 6,50 für den Longdrink, richtig? Es gibt ja auch noch die, in denen man 8,50 Euro zahlt! Doch, das tut in der Tasche eines Studenten schon richtig weh. Diese 21,84 reais reichen für drei Mittagessen in dem Restaurant, in dem ich normalerweise in Brasilien jeden Tag esse (mit Nachtisch und Softdrink/Saft/Bier inklusive!). So viel Kohle! Lassen wir das Thema Essen jetzt mal beiseite und kommen wir zu etwas Allgemeinerem. Reden wir über Wohnen.
Mir wurde schon gesagt, dass die Mieten in Sevilla nicht teuer sind, verglichen mit Madrid, Barcelona, Mailand oder Rom beispielsweise. Wie dem auch sei, sich in der Nähe der Kathedrale mit noch drei anderen eine Wohnung zu teilen, kostet etwa 300 Euro (771 reais). Mit genau diesen 300 Euro kann ich mir, an genau dem Strand, von dem ich vorher sprach, eine Wohnung mit zwei (oder sogar drei!) Zimmern mieten, möbliert, mit Festnetz und Internet-Flatrate, mit Nebenkosten und allem Drum und Dran inklusive: All das ganz für mich allein! Weil normalerweise keiner so etwas ganz für sich alleine mietet, macht man eine WG draus. Gehen wir mal davon aus, dass sich zwei Leute so eine Wohnung teilen, dann bleiben für den Monat noch 385,5 reais (150 Euro) übrig. Nun ja, man könnte 64 Mal in dem „alltäglichen“ Restaurant essen, von dem ich vorhin sprach (oder drei Mal direkt am Meer), oder zwei neue Jeans kaufen, oder zwei Paar neue (und richtig gute!) Turnschuhe, oder drei neue Import-Parfüms, oder man könnte dafür sieben Monate lang die Fahrkarte zur Uni bezahlen, oder einfach den Monatseinkauf im Supermarkt machen und es würden noch etwa 150 reais für den Einkauf des Folgemonats übrig bleiben. Es gibt unzählige Möglichkeiten...

Aus diesen und anderen Gründen denke ich nicht daran, wie viel es in reais wäre, wenn ich sechs Euro fürs Kino, 6,50 Euro für einen Longdrink, 300 Euro für Miete, 30 Euro für die Monatskarte, fast 40 Euro für den Wocheneinkauf, 35 Euro für Internet und andere „notwendige“ Fixkosten ausgebe. Wer in Europa ist, muss es auskosten und ist schon mit der Gewissheit angekommen, dass er mehr ausgeben wird. Ich ziehe es vor, in Euro zu denken, denn wenn ich umrechne, verdirbt mir das den Spaß!

Gabriela Azevedo Forlin
Übersetzung von Ricarda Lynn Otte

10

04

2008

Intellektuelle als Korrespondenten im brudermörderischen Spanien

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Genau so wie es der englische Hispanist Hugh Thomas behauptete: „So wie um 1850 die Blütezeit der Botschafter war, stellten die Dreißigerjahre das Goldene Zeitalter der Auslandskorrespondenten dar“. Jahre der Neudefinition der Europa- und der Weltpolitik.

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Seit Ende Juli 1939 und über zweieinhalb Jahre hinweg war es gang und gäbe, südlich der Pyrenäen die größten Journalisten der Welt anzutreffen“, so Thomas weiter. Der französische Autor des Kleinen Prinzen Saint-Exupéry; der amerikanische Fotograf Robert Capa, Pseudonym, unter dem André Friedmann, seine Freundin Gerda Taro und Chim Seymour arbeiteten; der britische Sozialdemokrat George Orwell; der respektlose Italiener Indro Montanelli; die US-Amerikaner John Dos Passos und Ernest Hemingway oder seine Ehefrau und Pionierin Martha Gellhorn, neben Anderen, gaben sich ein Stelldichein in einem der brudermörderischen Kämpfe, die den Kurs der Europa- und Weltpolitik markierten: dem Spanischen Bürgerkrieg (1936-39).

preston_03.jpgIn Zusammenarbeit mit dem Instituto Cervantes und der Fundación socialista Pablo Iglesias, Vorsitzender ist Alfonso Guerra, bringt das Zentrum für Andalusische Studien die Ausstellung „Korrespondenten im Krieg Spaniens” nach Sevilla, die 2006 in New York eingeweiht wurde. Eine Sammlung von Artikeln und Reportagen, die aufnehmen, wie diese Intellektuellen, von denen der Großteil im Hotel Florida untergebracht war, gelebt und geschrieben haben. Eine Arbeit am Zahn der Zeit, die die Geschichte des Journalismus prägte.
Die prekären Wände des Florida, am Plaza Callao in Madrid, waren treuer Zeuge der intimen Gespräche zwischen Hemingway und seiner dritten Ehefrau Marta Gellhorn, der Entwicklung der vielen Gedanken, die sie an ihren Tischen schrieben, und vieler schlafloser Nächte, verursacht durch das, was die Augen tagsüber gesehen hatten. Es war das rohe Spanien der Leidenschaften, das sich selbst umbrachte.

Jay Allen, einer der letzten, der José Antonio Primo de Rivera vor seiner Hinrichtung 1936 interviewte, nimmt in einen seiner Texte, der am 28. Juli 1936 im Chicago Daily Tribune veröffentlicht wurde, den folgenden Dialog mit Franco auf:
Allen: „Gibt es keine Möglichkeit für einen Waffenstillstand oder eine Übereinkunft?“
Franco: „Nein. Nein, definitiv nicht. Wir kämpfen für Spanien. Die kämpfen gegen Spanien. Wir sind entschlossen, weiterzumachen, egal zu welchem Preis.“
Allen: „Sie werden halb Spanien töten müssen“, sagte ich.
Da drehte er seinen Kopf, lächelte und während er mich mit festem Blick anschaute, sagte er:
Franco: „Ich habe gesagt, zu welchem Preis auch immer.“

Der Bürgerkrieg hatte in einem südlich von Europa verborgenen Land begonnen. Stalins Augen waren in jedem Schritt dabei, den sein sowjetischer Spion Harold Philby tat, der Artikel zugunsten Francos schrieb, um sich sein Vertrauen zu verdienen. Um die europäische Hegemonie stritt sich der Puls der Ideologien in einem erbarmungslos verrückten Spanien.

DIE ROLLE DER FRAU

In der Ausstellung können wir auch feststellen, dass es nicht nur die Männer waren, die durch ihre Kameras und Artikel die Einzelheiten des Bürgerkriegs porträtierten. Die Journalistinnen waren mit genau so viel Verwegenheit anwesend wie ihre Kollegen. Dieses Streben danach, in entscheidenden Etappen des Konflikts präsent zu sein, kostete der deutschen Fotografin Gerda Taro später das Leben.
gerda_taro_02.jpgNachdem sie wegen ihrer jüdischen Herkunft und ihrer sozialistischen Militanz nach der Machtübernahme der Nazis nach Paris ins Exil gegangen war, lernte Taro die Geheimnisse des Fotografendaseins aus der Hand desjenigen, der später ihr Partner sein würde, und zwar von André Friedman, einem Ungaren ebenfalls jüdischer Herkunft. Gemeinsam mit ihm kreierte sie die fiktive Person Robert Capa, der ein angeblicher, berühmter Fotograf aus den Vereinigten Staaten sein sollte. So hofften sie auf mehr Aufträge, eine Strategie, die sich für sie rentierte. Wenig später bricht ein Kampf aus, der ganz Europa mobilisieren würde: der Spanische Bürgerkrieg. Das Paar dachte nicht lange nach und zog nach Spanien, wo beide für französische Medien wie Vu oder Regards arbeiteten.
Die Fotografin war auch alleine für Reportagen unterwegs und für eine von ihnen zahlte sie an einem Sommertag 1937 mit dem Leben. Nach einem Bombardement der Nationalisten auf Stellungen der Republikaner in der Schlacht von Brunete, führte die Verwirrung dazu, dass ein republikanischer Panzer sie überrollte und sie schwer verletzt zurückließ, so dass sie letztendlich in einem Krankenhaus in El Escorial starb. Sie war erst 27 Jahre alt. Einige Tage später wurde sie im Beisein von Tausenden in Paris ehrenhaft beigesetzt.

Es handelt sich dabei zweifelsohne um den dramatischsten Fall, aber sie war nicht die einzige Frau, die sich auf den zu der Zeit gefährlichen, spanischen Boden vorwagte. Die US-Amerikanerin Martha Gellhorn, als dritte Ehefrau an der Seite des Schriftstellers Ernest Hemingway ebenfalls an einen Mann von internationalem Rang gebunden, war während des Konflikts Korrespondentin für die Zeitschrift Collier´s und arbeitete dort auch noch während des Zweiten Weltkriegs. 1969 verließ Hemingway sie für seine vierte Frau, die Korrespondentin der Zeitschrift Times Mary Welsh. Trotz der Gefahren, die sie im Laufe ihres Lebens durchgemacht hat, starb Gellhorn erst vor zehn Jahren im Alter von 89, und genau wie ihr Exmann Hemingway setzt sie ihrem Leben freiwillig ein Ende. Bereits an Krebs erkrankt, vermochte eine Tablette, was Hunderten Bombardierungen zuvor nicht gelungen war.
Die New York Times vertraute der Journalistin Virginia Cowles die Berichterstattung aus dem republikanischen Lager an. Von dort erfasst sie die Unruhe, die die Luftangriffe verursachten. „Der Gemütszustand der Leute wurde nach und nach gebrochen von der Zerstörung, die vom Himmel kommt...
Aus dem Norden Europas kam Barbro Alving, eine schwedische Journalistin, die 1936 in Spanien eintraf, um über den Krieg zu informieren. Ihre Tageszeitung, der Dagens Nyheter, finanzierte ihre journalistische Aktivität in Spanien, lehnte jedoch jegliche Verantwortung für die Risiken dieser Mission ab. Ihre Reportagen von der Front brachten ihr internationale Auszeichnung ein. Später berichtete sie über solch bedeutende Ereignisse wie das Interview zwischen Hitler und Mussolini, den Finnlandkrieg und die Verwüstung, die durch den Abwurf der Bombe über Hiroshima verursacht wurde.

Und obwohl der Krieg zu jener Zeit praktisch „Männersache“ war, ließen diese Frauen ihr Land zurück und versuchten zu verhindern, dass die Maxime, die besagt, „Im Krieg ist das erste Opfer die Wahrheit“ sich bewahrheitet. Ihre Berichte durchquerten eine bebende Welt, in der die Grenze zwischen Information und Propaganda nur eine diffuse Linie war.
Der Journalismus steht in ihrer Schuld.

Concha Hierro und Álvaro Sánchez
Übersetzung von Ricarda Lynn Otte

*Im ersten Foto Mijail Koltsov von der ,Pravda‘ mit dem Fotografen Roman Karmen in einem Schützengraben. Im zweiten das Hotel Florida. Im letzten Gerda Taro zusammen mit Robert Capa.

11

03

2008

FACTOR HUMANO 2008: García Moliner, ein humanistischer Naturwissenschaftler

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federico.jpgFederico García Moliner bekam den “Prinz-von-Asturien-Preis” in der Kategorie Wissenschaftliche und Technische Forschung für seine herausragende Arbeit als Physiker. Er ist einer der großen spanischen Wissenschaftler unserer Zeit, und trotzdem, hört man ihm beim Reden so zu, dann würde man nicht denken, dass es sich um eine berühmte Persönlichkeit handelt.
Herausgeputzt mit einer fast malerischen Fliege und mit einem breiten Lächeln, erschien Moliner nicht nur zu seinem eigenen Vortrag, sondern besuchte auch die restlichen, an denen er mit großem Interesse teilnahm, in der Fragerunde Fragen stellte und das Wort ohne zu zögern auch mal den Studenten überließ, obwohl die Organisatoren ihm den Vorrang lassen wollten. Dies zu erwähnen, ist keinesfalls belanglos, da es eine Eigenschaft seines menschlichen Charakters ist, und darum ging es ja bei den Veranstaltungen.

Allein der Beginn seines Vortrags verdiente schon einen kräftigen Applaus: „Ihr werdet Euch fragen, wie man Naturwissenschaft betreibt... Nun ja, damit Ihr das versteht, lese ich etwas von Ana María Matute vor.“ Und er las uns vor, wie Ana María Matute den Prozess des Schreibens schildert. Für diejenigen von uns, die mit Naturwissenschaften nur in der Schule zu tun hatten, war es ein absoluter Genuss, einen solch exquisiten Vergleich zwischen besagter Naturwissenschaft und dem Schreiben zu hören. „Es gibt viel Schönheit in der Naturwissenschaft“, sagte uns Moliner und konnte dies zweifellos auch so vermitteln.
Seine Verteidigung der Kultur basiert auf dem Stellenwert, den diese hat, indem sie „die Art und Weise konditioniert, in der wir das Gehirn nutzen“. Unsere begrenzte Vorstellung dieser Art und Weise macht uns eine größere intellektuelle und persönliche Entwicklung unmöglich, weil wir darauf bestehen, „Kultur und materielle Welt, Kultur und Wissenschaft radikal zu unterscheiden, obwohl beide dieselbe Sache sind, oder, anders gesagt, beide Realität sind, die koexistieren und miteinander in Beziehung stehen“.

Der Künstler und der Naturwissenschaftler sind sich so ähnlich...“, erzählte er uns, „beide suchen nach einer Erklärung der Welt und wollen sie weitervermitteln“. Eine wunderbare Form, Wissenschaft und Kunst, Schönheit und Ideen zu verstehen. Vielleicht dachte Moliner an Guernica oder an die Struktur der Fraktale, als er feststellte: „In der Kunst gibt es nicht nur Schönheit, sondern auch tiefgründige Ideen; und in der Wissenschaft gibt es nicht nur tiefsinnige Ideen, es gibt auch das Fassungsvermögen für die Schönheit“.

Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Ricarda Lynn Otte

21

12

2007

BOLOGNA: Der Fall England

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England spielt im Bologna-Prozess eine wichtige Rolle. London wird der Austragungsort der nächsten Versammlung sein. Doch nicht nur das. Man sollte nicht vergessen, dass die Sorbonne-Erklärung, die die Grundlage des ganzen Prozesses darstellt, lediglich von den Bildungsministern von vier Ländern unterzeichnet wurde, nämlich von Italien, Frankreich, England und Deutschland. Tessa Blackstone, Ministerin für Höhere Bildung, vertrat dabei das Vereinigte Königreich.

uk-cambridge-street1.jpgViele sprachen sich für eine Vereinigung zur „Europäischen Universität“ aus, ein bis heute sehr abstraktes Konzept, das sich gleichermaßen notwendig wie komplex zeigt. Die Frage nach dem Warum lässt sich in beiden Fällen mit der gleichen Begründung beantworten. Nichts hat mit dem italienischen, französischen oder englischen Universitätsmodell zu tun. Das Letztgenannte, was uns hier beschäftigt, ist ein sehr auf die Praxis ausgerichtetes Modell. Der allgemeine Studienablauf besteht aus zwei dreijährigen Zyklen, was dem im Bologna-Prozess vorgeschlagenen Studienplan sehr ähnlich ist. Allerdings hat dieses Model in den letzten Jahren keine guten Resultate erzielt, was man als klare Ansage an das Vorhaben des Europäischen Raums für Höhere Bildung verstehen kann.
Wenn man an englische Universitäten denkt, denkt man automatisch an die beiden Eliteuniversitäten Cambridge und Oxford. Die Situation bei diesen beiden Hochschulen ist völlig anders gegenüber allen anderen, denn ein Abschluss an einer dieser Hochschulen hat seit jeher eine Erfolgsgarantie, auch außerhalb der britischen Grenzen und zwar ohne dass es einer speziellen Anerkennung bedarf. José María Prieto Zamora, Professor für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie an der Universität Complutense (Madrid), erklärte in einem Interview mit der Tageszeitung El Mundo: „ Das traditionelle Modell von Cambridge und Oxford ist noch heute eins der besten Bildungsmodelle.“ Der Europäische Raum für Höhere Bildung will dies auch erreichen, nämlich gute Abschlüsse, die in einem wie in dem anderen Land anerkannt werden… Doch dabei ist eine Frage unausweichlich: Wie soll das in Universitäten möglich sein, in denen die Kapazitäten fehlen, kleinere Gruppen zu bilden und in kaum einem Kurs weniger als 120 Studierende eingeschrieben sind?

Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Björn Gillmann

16

12

2007

Spielzeug für Kinder in Palästina

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PC150009.JPGAm 15. Dezember teilten sich Kinder und Erwachsene den Raum im andalusischen Zentrum für zeitgenössische Kunst (Centro Andaluz de Arte Contemporáneo). In dem besonderen Umfeld des Klosters Santa María de las Cuevas (besser bekannt als Kloster de la Cartuja) sowie von alten, heute unbewohnten Häusern, sind die Räume des alten Klosters und der Keramikfabrik ein von Gärten umgebenes Museum. Bei der Veranstaltung handelte es sich um einen vom Centro Andaluz de Arte Comtemporáneo und anderen Kultureinrichtungen organisierter Tag voller Konzerte und Aktivitäten für Kinder von 16 Uhr bis 1.00 Uhr nachts. Eintrittspreis: Ein Spielzeug (kein Kriegsspielzeug) für Kinder in Palästina. Die Veranstaltung verlief unter dem Motto: „Wir tauschen Musik gegen Spielzeug“.

Eltern, Kinder und viele andere kamen, gaben am Eingang ein Spielzeug ab und erhielten eine Eintrittskarte, mit der sie den Darbietungen beiwohnen konnten. Während die Älteren die zahlreichen Konzerte in der Kirche genossen (die meisten Gruppen kamen aus Spanien, aber einige kamen auch aus Brüssel und Manchester), konnten die Kleinsten einen Hubschrauber besichtigen oder sich für einen Moment wie ein Feuerwehrmann fühlen, als sie in ein Feuerwehrauto einstiegen, das im Garten des Museums bereitgestellt war.
Die Aktivitäten für die Kinder reichten von einer Kinderbibliothek in einem Museumssaal, über Bastelateliers, Zauberer und Geschichtenerzähler, bis hin zu Theaterstücken. Kinder und „große Kinder“ konnten den Geschichten aus anderen Ländern lauschen mit dem Erzähler “El Atrapasueños” (Der Traumfänger) und für einige Minuten Hauptdarsteller in einer Szene der Geschichte sein. Alle gingen mit vielen Geschenken nach Hause: Einen Traumfänger, die Fähigkeit, einen solchen zu basteln, einen märchenhaften Moment, den sie mit ihren Eltern, Geschwistern und Freunden teilten und eine Liste mit all den schlechten Dingen, die sie für immer aus der Welt schaffen wollen.

Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Björn Gillmann

11

12

2007

“Der Vampir”: Eine fotographische Darstellung eines Toreros

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Vampiro.jpg
Stierkämpfe erzeugen beim Betrachter viele Gefühle, vor allem wenn man das erste Mal, sowie ich, dem Spektakel in den Straßen beiwohnt. Diese Empfindungen ändern sich zudem mit jedem Herzschlag. Es geht dir alles näher. Ich habe Freunde, die für Stierkämpfe sind und Freunde, die dagegen sind und ich glaube nicht (nach jahrelanger Diskussion), dass ich zu dem Thema des Opferrituals in der Stierkampfarena den entscheidenden Beitrag leisten kann. Aus diesem Grund erspare ich mir an dieser Stelle zahlreiche Abschnitte, in denen ich meine Meinung kundtun könnte.
Das Foto taufe ich auf den Namen „Vampir“. Weiß Gott warum wir Fotographen immer das Bedürfnis haben, unsere Lieblingsbeobachtungen mit einem Namen zu versehen, so als ob wir Angst hätten, dass die Bilder alleine nicht aussagekräftig genug wären. Bilder, die sich durch Horrorfilme mit Monstern und Fledermäusen wie Feuer in das Gedächtnis der Kinder einbrennen. Der Geruch von Blut ist visuell nicht darstellbar (oder vielleicht doch). Der Vampir-Torero verspürt ein Bedürfnis nach Opfern und Blut. Daran besteht kein Zweifel. Das Ende des Films kennen wir schon.

Foto und Kommentar von Julio González
Übersetzt von Björn Gillmann

04

12

2007

Pina Bausch: Bruch mit dem Alten und Schaffung von Neuem

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Pina.jpgPina Bausch, Tänzerin und Choreografin, 1940 im Zweiten Weltkrieg in Solingen (Nordrhein-Westfalen) geboren, ist Leiterin des Wuppertaler Tanztheaters und hat gerade den Kyoto-Preis 2007 für ihren Beitrag zum internationalen, zeitgenössischen Tanz erhalten.

Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt." Diese Frau, die Urheberin des legendären Café Müller (1978), diese kleine, grazile Frau, eine überzeugte Raucherin pendelte während ihrer Ausbildung zwischen ihrem Heimatland Deutschland und der New Yorker Julliard School hin und her. Sie hat es geschafft, eine eigene Sprache zu kreieren, mit der sie in das Innere des Menschen eindringt: ihre Verletzbarkeit und ihr Bedürfnis geliebt zu werden. Ihre Werke, die mehr Bewunderer als lautstarke Kritiker haben, haben das klassische Konzept des Tanzes von Grund auf erneuert und ohne Bedenken mit anderen Künsten vermischt. Auf diese Art entstand ihr außergewöhnliches Tanz-Theater.



Concha Hierro del Hoyo
Übersetzt von Björn Gillmann

29

11

2007

Malta, das Land mit Doppelmoral

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Malta.jpg
Jeden Abend stillten wir unseren Hunger bei einem dieser Schnellimbisse an der Strandpromenade, dort wo die maltesischen Lire besonders schnell weniger werden. Wir nannten es „Goly-Goly“, da am ersten Abend einer von uns mit dem einzigen Wort, das wir auf maltesisch gelernt hatten, „goly“, versuchte mit dem Verkäufer zu verhandeln. „Goly“ bedeutet teuer.
Auf dem Weg nach Paceville, dem Vergnügungs- und Ausgehviertel, schlugen wir uns den Magen voll. Zwei Stunden nachdem wir den gewohnheitsmäßigen und vergeblichen Versuch gestartet hatten, das Essen im Hotel „runter zubekommen“, mussten wir dem Magen, vor allem wegen einer langen bevorstehenden Nacht, eine gewisse Bedeutung einräumen mussten, da er schließlich die Wirkung des Alkohols abfedern musste.
Malta, das Land mit Doppelmoral, wurde von zwei Dritteln der Spanier, die vom Staat gefördert wurden, als Zielort für einen Englischsprachkurs im Ausland gewählt. Mit dem Versprechen, zwanzig Tage auf einer exotischen Insel mitten im Mittelmeer zu verbringen und mit der Vorgabe, eine der offiziellen Landessprachen zu lernen, meldeten sich einige von uns voller Illusionen für diese Sprachreise an, die zur Hälfte bezahlt wurde. Vergnügen, traumhaftes Klima und Strände waren unsere Vorstellungen. Enttäuschung, unerträgliches Regenwetter und Felsen waren die Realität.

Als wir in unserem Viersterne- Hotel ankamen, dessen Sterne von einem kleinen Baum am Eingang bedeckt wurden, wurden wir von einer gewissen „Übereinanderschichtung“ in den Zimmern überrascht. Man setzte uns nahezu gesundheitsschädlichen Bedingungen aus und behandelte uns „very impolite“. Die Agentur, die die Reise organisiert hatte, hatte uns übers Ohr gehauen. Der Service verdiente keinesfalls den Preis den wir bezahlt hatten und von dem ein Großteil aus unserem eigenen Portemonnaie stammte. Wir wollten Beschwerdezettel ausfüllen, doch die Vordrücke dafür (die in Spanien überall ausliegen; Anmerkung des Übersetzers) glänzten durch Abwesenheit.
So verlegten wir also auch unsere bekanntestes Erkennungszeichen nach draußen: Den „Botellón“, (Versammlung von Freunden an öffentlichen Plätzen, um zu trinken; Anmerkung des Übersetzers). Ich war nicht gerade stolz darauf und musste dann noch leider feststellen, dass ein Herr, der weit davon entfernt war diese Befugnis zu haben, sich damit beschäftigte, das „spanische“ Gebiet aufzuräumen, als dieses sich allmählich leerte. Calimocho (spanisches Rotweingetränk mit Cola; Anmerkung des Übersetzers) für 1,5 maltesische Lire und … in Las Vegas, wie einige das Viertel mit den Bars und Discotheken nannten, waren die Libido und die Unanständigkeit die „Rohstoffe“ de Nacht. Jugendliche Erscheinungen, Drogen und Sex beeinträchtigten die Stimmung in einem ultrakatholischen Land, wo es in den Kirchen Pflicht ist, die Schultern zu bedecken.
Die häufige Präsenz von Statuen heiliger Personen in jeder Gebäudeecke sowie die ruinöse Erscheinung der meisten Gebäude boten einen klaren Kontrast zu dem Konsumverhalten in der Stadt St. Julians. Mit dem Bild eines Landes, das wegen seiner hohen Tourismuseinnahmen und seiner Investitionen in eine sozial kaum akzeptierte Kultur als widersprüchlich zu bezeichnen ist, verließ ich Malta mit dem optimistischen Gedanken an eine mögliche Anpassung in der Zukunft an die Europäische Union, in die Malta vor nicht allzu langer Zeit eingetreten ist und in der Postmodernität und Tradition gemeinsam in einem gewissen Einklang existieren.

Amparo Castilla Ortiz
Übersetzt von Björn Gillmann

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11

2007

Der „rote“ Teppich wird eingerollt… Tschüss und bis nächstes Jahr!

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EIN FESTIVAL ZUR SELBSTERKENNUNG

2007-11-04_itsafreeworld03.jpg
Das Jahr 2007 lässt das europäische Kino nach dem Tod seiner beiden größten Vertreter, Ingmar Bergmann und Michelangelo Antonioni als Waisenkind zurück. Das eigensinnige und persönliche Kino dieser beiden Regisseure hat Vorbildcharakter für die neuen Filmemacher. Die Gesellschaft leidet derzeit unter einer Krise, einem Mangel an Vorbildern in allen Bereichen, was durch die Auswirkungen der Globalisierung unvermeidlich gewesen ist. Diese Krise spiegelt sich im europäischen Kino wieder, da das Kino immer ein Spiegel war in den wir geschaut haben um zu erfahren wie wir sind. Das europäische Filmfestival in Sevilla ist somit ein Ensemble mehrerer Spiegel, die uns die Entdeckung des Wortes ermöglichen, was wir Europa nennen. Tausende Besucher verschiedenster Nationalitäten hatten neun Tage lang die Möglichkeit sich beim Kinobesuch besser kennen zulernen, denn das Kennenlernen und Verstehen aller Kulturen sowie die Teilnahme an der kulturellen Vielfalt des Kontinents ist die einzige Möglichkeit, mit der die Europäer selbst das europäische Kino stark und einflussreich machen können.

Haben die verschiedenen europäischen Arten Filme zu machen Gemeinsamkeiten? Wird ein ungarischer Film in Spanien verstanden? Oder ein spanischer Film in Ungarn? In einer Welt, in der wirtschaftliche Faktoren das Handeln beherrschen, müssen wir uns fragen, ob die europäischen Länder „audiovisuelle Produkte“ herstellen, die sich auch in den restlichen Ländern des Kontinents vermarkten lassen. Programme wie MEDIA und Eurimages versuchen seit Jahren Europäer dazu zu bewegen ihr Kino zu schauen, das aber oft vom Nordamerikaner „verfinstert“ wird. Laut der allgemeinen Kinogeschichte hat es nie ein homogenes europäisches Kino gegeben, sondern vielmehr immer Regisseure, die sich durch ihren persönlichen und manchmal riskanten Stil von anderen unterschieden. Und für den kulturellen Reichtum jedes Landes ist es auch gut, dass sich keine Homogenisierung vollzogen hat, aber man muss sich dennoch dessen bewusst sein, dass es einen Weg gibt eine „Formel“ zu finden, damit die audiovisuellen Produkte aus europäischen Ländern auch außerhalb ihrer Landesgrenzen geschätzt werden. Das europäische Filmfestival in Sevilla bietet eine gute Möglichkeit zu erkennen, dass die Kinematografien der europäischen Länder, trotz der vielen Unterschiede, gar nicht so verschieden sind. Die sprachliche Barriere ist dabei ein kleineres Problem.

Festival voller Überraschungen

Die offizielle Filmauswahl von Regisseuren wie Volker Schlöndorff, Claude Chabrol, Ken Loach, Alexander itsafreeworld09.jpgSokurov, Jacques Rivette, Jirí Menzel oder Fatih Akin deutete bereits auf ein hohes Niveau der Filme hin, die bei der dritten Auflage des Festivals gezeigt wurden. Weder Chabrol noch Loach zum Beispiel haben das Publikum überzeugt, das es vielmehr genoss das junge und frische Kino von Eran Kolirin (The band’s visit), Eytan Fox (The Bubble) oder Joachim Trear (Reprise) zu sehen. Vielleicht gerade weil sie zu den wenigen Filmen gehören, die es geschafft haben sich von diesem verbitterten, klagenden Ton zu lösen. Und auch weil die europäischen Länder nicht aufhören sich die Probleme der eigenen Geschichte vorzuwerfen. Es gibt Filme, die im notwendigen Maße kritisch und gerecht sind. Der Filmemacher will oft lediglich seinen Unmut und seine Resignation ausdrücken, in anderen Fällen dient das Kino dazu, Problemen mit Humor zu begegnen. Nichts desto trotz ist es nicht zu bestreiten, dass die europäischen Regisseure ständig die Notwendigkeit verspüren, in die Vergangenheit zu schauen um die Gegenwart zu verstehen. Die Kinematografien einiger europäischer Länder erkennen mit einem traurigen Ton an, dass das Trauma, das die absurde Geschichte kürzlich verursacht hat, sie immer noch berührt.

Wir heben uns von den anderen ab…

2007-11-10_galafuera.jpgIT’S A FREE WORLD. Der neue Film von Ken Loach hat es geschafft, mit dem höchsten Preis des Festivals ausgezeichnet zu werden, dem „Giraldillo de Oro“, obwohl Loach für die Mehrheit des Publikums und der Kritiker eher enttäuschte. Diesmal zeigt er eine Kritik an der Mafia, die illegalen Einwanderern Arbeit besorgt und dabei von ihnen profitiert.

REPRISE. Der erste Spielfilm des Norwegers Joachim Traer ist eine rasche Erzählung mit einem wunderbaren Drehbuch über die Erfahrungen zwei junger Schriftsteller. Eine großartige Leistung für das rasche, moderne und frische Kino.

DER MANN AUS LONDON. Die lang erwartete Verfilmung des Romans „Der Mann aus London“ von Georges Simenon vom Regisseur Béla Tarr, die schon beim letzten Filmfestival in Cannes gezeigt wurde, diente als Entschuldigung dafür, dass dieser umstrittene, ungarische Regisseur erneut das Publikum in Sevilla trifft. In dieser Co-Produktion von Ungarn, Frankreich und Deutschland bleibt Tarr, der beim Festival geehrt wurde, seinem langsamen und minutiösen Stil treu und zeigt uns eine Geschichte darüber, wie ein Zufall das Leben einer Person vollkommen verändern kann.

DU LEVANDE. Seine expressionistische Ästhetik eignet sich perfekt für dieses Ensemble mehrerer Geschichten über das kleine Unglück des Alltags seiner Persönlichkeiten. Der Film ist eine Fabel über den Wert des Lebens und dessen wichtigstes Element, der Versuch glücklich zu sein. Der Film, der als schwedischer Film bei der Oskarverleihung nominiert war, bescherte seinem Regisseur, dem Schweden Roy Andersson, den Kritiker Preis, den er mit dem Deutschen Akin („Auf der anderen Seite“) teilte. Ein verblüffendes und eindrucksvolles Ende machen diesen Film, der an einigen Stellen sehr lustig ist, zu einer exzellenten Umsetzung europäischen Kinos.

IRINA PALM. Der typische, liebevolle Film, der die Herzen des Publikums erobert. Das soll kein Vorwurf sein, doch der Film erreicht dies mit leichten Mitteln und mit einem konventionellen, vorhersehbaren Verlauf. Der Film zeigt dennoch eine großartige Marianne Faithfull, die dafür sorgt, dass sich der Zuschauer in der Geschichte glaubt und mit den Kinosaal am Ende mit einem Lächeln im Gesicht verlässt.

AUF DER ANDEREN SEITE. Fatih Akin kehrt mit einem Film voller sich überschneidender Geschichten zurück, deren Personen sich dank eines Zusammenhangs verbinden, ganz im Stile von „Babel“ des Mexikaners 2007-11-05-nervion03.jpgGonzález Iñárritu. Mit den Erfahrungen einer türkischen Aktivistin, die in ihrem Land verfolgt wird, bietet Akin eine Reflexion darüber, ob die Türkei für einen Beitritt in die Europäische Union vorbereitet ist. Er erhielt den Kritiker-Preis.

ULZHAN. Der erfahrene Regisseur Volker Schlöndorff kehrt mit einem Film zurück, den er in Kasachstan gedreht hat. Die Geschichte erzählt mit metaphysischem Ton wie ein Franzose durch Kasachstan reist um entweder Antworten oder den Tod zu finden. Auf seinem Weg trifft er eine einheimische Lehrerin, die ihn begleitet. Es ist ein etwas anderer Film, sehr ruhig und regt zum Nachdenken an, indem er den Zuschauer an einer Reise teilnehmen lässt (der natürlich gerne diese Einladung annimmt).

I SERVED THE KING OF ENGLAND. Der Tscheche Jirí Menzel, der seit Langem seinen intelligenten Humor und sehr erleuchtende Analysen über die Geschichte der Tschechischen Republik unter Beweis gestellt hat, zeigt nun, dass er weiterhin gut in Form ist. In diesem Film geht es um eine Person, um einen herzlichen Kellner, der von Ivan Barnev gespielt wird und einen Traum verfolgt. Er will Millionär werden. Ein sehr lustiger Film, der unter der Regie eines großartigen Menzel entstanden ist.

Emilio Gómez Barranco
Fotos: Lolo Vasco (offizieller Fotograf des europäischen Filmfestivals in Sevilla)
Übersetzt von Björn Gillmann

A outra margem (auf der anderen Seite)

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Drehbuch und Regie: Luis Filipe Rocha
Produktion: Paulo Branco
Musik: Pedro Teixeira
Darsteller: Filipe Duarte y Tomás Almeida

Manchmal ist die Distanz, die uns von den Personen trennt, die wir lieben, so groß wie ein Fluss…dieser Fluss kann die Abwesenheit sein, die ein Tod provoziert, dieser Fluss kann auch mangelnde Kommunikation sein, die vom Stolz verursacht wird, er kann auch der Widerstand sein, der Widerstand gegen ein neues Leben. Der Fluss ist die schöne Metapher, mit der Luis Filipe Rocha in seinem letzten Film A Outra Margem spielt. Der Film wurde beim Filmfestival in Sevilla gezeigt und hat, die Aussage spricht Bände, bei jeder Vorstellung für ein ausverkauftes Kino gesorgt. In dem Film fällt der Hauptdarsteller Ricardo, ein Travestie, der auf geniale Weise von Filipe Duarte gespielt wird, nach dem Tod seines Freundes in eine tiefe Depression und kehrt für einige Wochen in seine Kindheit zurück. Die Geschichte zeigt, wie der a_otra_margem.jpgHauptdarsteller nicht nur den Tod seines Partners verkraften muss, sondern auch wie er den Tod der Person verarbeitet, die er noch vor 15 Jahren war, als er noch heterosexuell war, heiraten wollte und einen Vater hatte, der ihn akzeptierte. Auf dieser Reise in die Vergangenheit trifft er auf die Hilfe eines Menschen mit Trisomie 21, also Down-Syndrom. Bei dem Jungen handelt es sich um seinen zärtlichen und herzlichen Neffen Vasco (Tomás Almeida), der 17 Jahre alt ist und eine Lebensfreude versprüht, die Ricardo zu neuem Leben erweckt. Oft ist es der „Unterschied“, so wie der Junge auf seine Art und Weise dem Leben begegnet, der die Rettung bedeuten kann.

Die Frische und die Menschlichkeit machen den Film so besonders. Der portugiesische Regisseur, der über einen Universitätsabschluss in Jura verfügt, im Exil in Brasilien war und schon zahlreiche Werke als Regisseur, Drehbuchautor und/oder Schauspieler gedreht hat, versetzt jeden seiner Akteure des Films A Outra Margem in eine Konfliktsituation, in der sie gefangen sind und die sie bewältigen müssen. So ist es nun mal, in dem Film sowie im richtigen Leben, man tritt über alltägliche Dinge in Kontakt. Dies ist zum Beispiel der Fall als Ricardos Ex-Freundin ihm das Hochzeitskleid als eine Art Vorwurf schenkt, da die Hochzeit nicht stattgefunden hat oder das Holzpferd, das der Vater des Hauptdarstellers restauriert mit dem Versuch wieder mal zu zweit mit seinem Sohn zusammen zu kommen, doch im Alltag ist er nicht in der Lage dazu… seine Vorurteile gegen Homosexualität machen es ihm unmöglich. Besonders hervorzuheben ist auch der Soundtrack des Films mit dem es Pedro Teixeira Silva gelungen ist die Emotionen der Geschichte zu übermitteln.

Gleichgültigkeit, mangelnde Kommunikation in den zwischenmenschlichen Beziehungen, Unterschiede… Dies alles sind Begriffe, die leider unser Leben beschreiben und uns in Traurigkeit und Einsamkeit versetzen können, aber letztendlich beginnt die Hoffnung sich in den Fluss zu stürzen um zu schwimmen. Es wird immer jemanden geben wie Vasco, der gegen alle Vorbehalte, hilft auf der richtigen Seite anzukommen.

Paola García Costas
Übersetzt von Björn Gillmann

20

11

2007

Interview mit Luis Filipe Rocha und Filipe Duarte

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LUIS FILIPE ROCHA: “DAS EUROPÄISCHE KINO IST DEM TODE GEWEIHT”

Der portugiesische Regisseur macht seit den siebziger Jahren Filme. Heute, mit fast sechzig Jahren, zeigt er Entrevista_A_outro_margem__1_.JPGbeim europäischen Filmfestival in Sevilla seinen letzten Film. Dabei wird er von den Zuschauern sowie von Paulo Branco, dem renommierten europäischen Autorenkinoproduzenten herzlichst empfangen.
Luis Filipe Rocha und Filipe Duarte, der Hauptdarsteller des Films, kamen völlig gerührt aus dem Raum so wie auch alle anderen Personen, die wir dort trafen. Ich wartete zunächst einige Minuten ab, bis das Publikum die Beteiligten gefeiert hatte und ging erst dann näher ran. Die Augen von Rocha sprechen von seinem Leben, er ist um die sechzig, seine Augen schauen freundlich, aufrichtig und sind fast flüssig. Die Augen Filipes sind dunkelbraun und strahlen so stark, dass sie fast Angst machen. Wir vereinbarten einen Termin im Hotel, wo sie die Festivalorganisation untergebracht hatte, zwischen dem gigantischen Prado de San Sebastián, wo sich das Theater Lope de Vega befindet und der märchenhafte Park Maria Luisa, ein Bereich zum Entspannen und Durchatmen für diejenigen, die Sauerstoff brauchen. Es ist ein Morgen, an dem die Kälte und die strahlende Sonne Kontraste schaffen, als Filipe Duarte wartet und dabei eine Zeitung durchblättert. Er wartet auf Luis Filipe Rocha, ebenfalls ein Mann voller Gegensätze. Er verspätete sich nur um wenige Minuten. Danach fanden wir schnell eine ruhige Ecke in der Halle des Hotels, wo wir über sie und über ihren Film „A outra margem“ (Die andere Seite) sprechen konnten.

Eine filigrane Darbietung

Ein homosexueller Travestie, völlig deprimiert nach dem Tod seines Freundes mit dem er zusammen lebte sowie ein Jugendlicher mit Down-Syndrom, der Energie und Lebensfreude versprüht, sind die Protagonisten einer Geschichte, von der Rocha sagt, dass er sich wie von der Geschichte ausgewählt fühlte, diese zu erzählen: „ ich war schon immer der Meinung, dass die Geschichten uns aussuchen, um von uns erzählt zu werden und nicht wir diejenigen sind, die sie aussuchen.“ Das ist der Bote, der biologische Katalysator, der ohne Einschränkungen, wenn möglich, die Versöhnung zwischen denjenigen einleitet, die sich jeweils auf der anderen Seite des Flusses befinden, am anderen Ufer, „A outra margem“. In der Dunkelheit macht man ein wenig Licht und zu einem Licht im Leben Rochas entwickelte sich, nach dem Tod eines Freundes, das verheißungsvolle Drama, das Kontraste des Lebens zeigt: Die Einsamkeit und das Entrevista_A_outro_margem__12_.JPGBedürfnis zu leben, der Egoismus und der Wunsch eines Jungen nach Glück. „Wir sind alle allein mit unserem Schicksal, unserer Vergangenheit und unserer Situation. Worum es aber geht ist, zu lernen diese Einsamkeit zu akzeptieren. Genau das ist es, was den Personen im Film sehr gut gelingt.“ Er fügt hinzu: „Der Egoismus ist eine dem Menschen innewohnende Eigenschaft, doch was einige nicht machen ist, ihn moralisch zu bekämpfen.“

Roche wirkt sicher als er von den Gefühlen des Menschen spricht, so dass man den Eindruck hat, dass er seine Tiefen kennt. Für ihn war es klar, was er mit diesem Film dem Betrachter vermitteln wollte und teilte dies dem gesamten Team mit, das am Film beteiligt war. Er schaut seinen Hauptdarsteller leicht fordernd an und entlockte ihm folgenden Satz: „Mit Rocha zu arbeiten heißt auf eine wunderbare Reise gehen, er ist ein großartiger Kapitän seines Schiffes“, sagt Filipe Duarte, dem für seine Rolle bereits die Auszeichnung des besten Darstellers beim Filmfestival in Montreal zuteil wurde, die er dann mit Tomás Almeida (dem Jungen aus dem Film) teilte.
Der Schauspieler sagt selbst, dass er seine Rollen mit Leib und Seele spielt, aber in diesem Fall, setzte er beim körperlich schwierigen Teil auf die Hilfe von Fernando Santos (professioneller Travestie).
„Alle zusammen erkannten die Zerbrechlichkeit der Geschichte und ließen sich von ihrer Feinfühligkeit anstecken“, erklärt Rocha. Genau das war ein entscheidender Faktor dafür, dass wir den Dreh so intensiv und so angenehm erlebten.“

Hoffnung für das europäische Kino?

Als wir die Frage nach dem „Gesundheitszustand“ des Kinos „Made in Europe“ stellen, zögern beide. Bisher noch ohne den zweifelhaften Ton seiner Stimme zu verlieren sagt Rocha: „ Das europäische Kino ist dem Tode geweiht, uns fehlen die Mittel und wir haben einen klaren Nachteil in Sachen industrieller Kapazität gegenüber dem amerikanischen Kino.“ Nichts desto trotz spricht er geheimnisvoll vom europäischen Kino als eine Einheit: „ Das europäische Kino sind die europäischen Kinos. Jedes einzelne hat Besonderheiten in seiner Geschichte und einige profitieren von den anderen.“
„ Was uns aber eindeutig vom US-amerikanischen Kino unterscheidet ist, dass uns unsere Literatur, unsere Poesie, unser Theater ausmacht… und natürlich unser Kino!“, sagt er lachend. Und außerdem, „entsteht das amerikanische Kino fast aus einer Hand mit dem eigenen Land“, sagt er.

“A outra margem” wurde in Portugal bereits am 28 Oktober ausgestrahlt und ist im Moment überall unterwegs: “Er wurde in Montreal gezeigt, jetzt in Sevilla und in Kürze auf dem andalusischen Filmfestival für schwules und lesbisches Kino”, sagt Duarte. „Der Film bekommt laufend gute Kritiken und den Leuten scheint er zu gefallen.“ Mit Paulo Branco zu arbeiten bedeutet auch immer eine Gewisse Garantie in kommerzieller Hinsicht: „Er versichert dir, das dein Film auch wirklich gezeigt wird“, bestätigt der Regisseur. Mit Produzenten in Portugal, Frankreich und England und mit Ehrungen auf vielen Festivals, darunter La Mostra de Venecia und das europäische Filmfestival in Sevilla, ist Paul Branco heute nicht nur ein Produzent der europäisches Kino fördert, sondern der gutes europäisches Kino fördert, „das immer sehr reich an Kreativität ist“, erklärt Rocha zum Abschluss.

Concha Hierro
Fotos: Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Björn Gillmann

Interview mit Bèla Tarr

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BÈLA TARR: „ICH VERSUCHE IN MEINEN FILMEN DEN MENSCHEN ZUZUHÖREN.“

B_LA_TARR.JPGDie Reinigungsfrau hebt genau in dem Augenblick ein Papier vom blauen Teppich auf als die Schwester von Woody Allen vorbeiläuft. Das einwöchige europäische Filmfestival in Sevilla geht nun seinem Ende entgegen. Bald werden wir mit der Erinnerung an die Bilder von Militärcamps in Tschetschenien, portugiesischen Travestien, Wüsten, Schlössern, die zum Kloster konvertieren wollen und schweigenden Steinen nach Hause gehen… Und genau jetzt, um Punkt 12 dieses letzten Festivaltages kommt Béla Tarr, der so schlaff, vornehm, traurig und herzlich wie seine Filme aus dem Auto der Organisation aussteigt.
Mit einem „Hello“ begrüßt uns der ungarische Filmemacher, reicht uns die Hand und verwandelt sich in einen weniger kargen Mann als es seine schwarze „americana“ vermittelt. Auf einer hellen Terrasse mit gemütlichen Sesseln betrachtet uns der bekannte Regisseur des Films „Santango“ und bewegt geringfügig seinen Kiefer. Diese kleinen, aber sich ständig wiederholenden Bewegungen deuten darauf hin, dass er dies während des ganzen Interviews fortführen wird, da er vermutlich an einer Nervenkrankheit leidet.“ Gut, bevor wir anfangen möchten wir erstmal unseren Respekt vor ihrem Werk bekunden“ sagen wir. Die Übersetzerin erklärt es und der Regisseur lächelt dankend. In einem Graphen wäre Béla Tarr wir eine gerade Linie, wo man den Eindruck hat, dass bis zu seinem Lächeln nichts passiert. Dann aber verleiht er der Situation eine gewisse ungewöhnliche Nähe.
B_la_Tarr_entrevista.JPG
Den letzten Film, den er präsentiert hat, „Der Mann aus London“, ist eine Co-Produktion von Frankreich und Deutschland. Welche Rolle habe diese beiden Länder in ihrem neuesten Film gespielt?
Ganz einfach, die Geschichte spielt am Meer und Ungarn liegt nicht am Meer. Da haben wir kurzer Hand den Drehort ans Mittelmeer verlegt.

Glauben Sie, dass das europäische Kino ein Co-Produktionskino ist?
Nicht unbedingt, aber Europa kann sich auf jeden Fall als ein „Land“ verstehen, genau das ist schließlich der europäische Geist. Co-Produktionen sind vor allem aus finanziellen Gesichtspunkten notwendig.

Sie sind einer der wenigen Künstler, die Kino auf ihre eigene Art machen. Ist es bei der derzeitigen Entwicklung des Filmmarktes schwer für Sie Förderungsmittel zu bekommen?
Jeder Film hat das Problem der Finanzierung, es gibt keine Filme, die es schwerer haben als andere Ich denke, man sollte dabei nicht nach Filmtypen unterscheiden, denn das Problem ist immer das gleiche: Das Geld.

Heute zählen sie weltweit zu den fünf besten Kinoregisseuren, jedoch haben wir gelesen, dass ein Fotografieprofessor zur Zeit des Kommunismus über sie behauptet hatte, dass sie keine Ahnung vom Filmemachen hätten, so dass sie sich aus dem Geschäft zurückzogen und als Portier arbeiteten. Was brachte sie dazu wieder zum Filmemachen zurückzukehren?
In Wirklichkeit ist es noch viel einfacher als das. Ich ging zunächst in die Uni um Philosophie zu studieren, aber ich brach dann ab, weil ich lernen wollte Filme zu drehen. Auf jeden Fall kann man sagen, dass ich auch nicht an irgendeine Filmschule ging um offiziell Film zu studieren, da mir ein Professor sagte, dass ich durch meine eigenen Fehler mehr lernen würde als durch ein Studium. Später machte ich dann meinen ersten Film, mit dem ich in Deutschland viel Erfolg hatte, so fing alles an.

Wir haben in einem Interview gelesen, dass Sie sich nie als einen „Regisseur betrachtet haben, dessen einzige Aufgabe es wäre die Welt zu verändern“. „Glauben Sie an die „Macht“ des Films als Mittel zu einer Verbesserung beitragen zu können?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich eher festgestellt, dass der Film keinen Beitrag dazu leisten kann (lächelnd). Aber warum nicht. Das Kino ist ein Teil der Welt, so dass du mit einer geringen Veränderung seiner Handschrift auch schon ein bisschen die Welt veränderst.

Wenn Sie die Macht eines Politikers hätten, was wäre das Erste, was Sie in der Welt oder im menschlichen Bewusstsein ändern würden? Was beunruhigt Sie, als Individuum, am Meisten von dem, was sie umgibt?
Es gibt eine Sache, die ich nicht akzeptieren kann (ernst). In meinen Filmen, wie z.B. Maloin in „Der Mann aus London“, handelt es sich meistens um schlecht behandelte, sozial ausgegrenzte Menschen. In meinen Filmen versuche ich dem Publikum zu vermitteln, dass es nur ein Leben gibt und dass man dieses mit Qualität leben muss. Man darf nicht die menschlichen Gefühle verletzen.

Um die Außenseiter in Ihren Filmen darzustellen, welche Mittel verwenden Sie? Godard sagte mal: „Das Travelling ist eine Frage der Moral“. Unsere Frage ist somit folgende: Welche „filmische Moral von Béla Tarr“ steckt hinter der Verwendung von „schwarz und weiß“, „der langen Schnitte“ oder der „Zeit“, die sein Werk definiert?
Es gibt eine Säule, auf der meine Inszenierung bzw. meine Art zu Filmen aufbaut. Ich höre den Menschen zu, nicht nur den Geschichten, nein, den Menschen. Aber die Einstellungen, die Zeit… ermöglichen es mir in die Augen zu schauen oder das Gesicht zu betrachten: Darin steht die Wahrheit des Zustandes des menschlichen Wesens.

Und glauben Sie, dass der Zuschauer auf eine solche Form der Darstellung vorbereitet ist? Heutzutage werden wir ja förmlich mit Werbebildern, Videoclips, Videospielen und Mainstream-Filmen bombardiert, wo das Bild nahezu im Sekundentakt geschnitten wird….
Ich glaube schon, vor allem wenn du bereit bist zu hören, was dir deine Augen und dein Herz sagen. Du schaust nur zu und schon fühlst du dich wie im Film eingeschlossen.

Welchen Tipp würden Sie den Nachwuchsregisseuren geben, die versuchen, einen Platz in diesem „beängstigenden“ und wundervollen Berufsfeld Kino zu finden?
Hauptsächlich, dass Sie es einfach versuchen, sich nicht anpassen und vor nichts zurückschrecken und vor allem, dass sie sie selbst bleiben.

Beim Filmfestival in Sevilla im Jahr 2005 gab es eine Reihe, die ihrem Werk gewidmet wurde und es freut uns, dass Sie zum Festival 2007 erneut mit einem Film gekommen sind. Was raten Sie den Veranstaltern des Festivals, dass zum vierten Mal stattfindet und das den Wunsch hat jedes Jahr mehr ein Treffpunkt und eine Plattform für gutes Kino zu werden.
(Lacht) Na gut, ich habe vor zwei Jahren nun mal versprochen, dass ich wieder komme, also war ich ja gewissermaßen verpflichtet… Das Einzige, was das Festival machen muss, um weiterhin eine Plattform für gutes Kino zu sein ist: Es muss weitermachen. Ganz einfach, nur so weitermachen.

Paola García und Concha Hierro
Fotos: Lolo Vasco (offizieller Fotograf des europäischen Filmfestivals in Sevilla)
Übersetzt von Björn Gillmann

Anna M.

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Frankreich, 2006
Regie und Drehbuch: Michel Spinosa
Darsteller: Isabelle Carré, Gilbert Melki, Anne Consigny
Bild: Alain Duplantier
Produzent: Patrick Sobelman

GEFÄNGNIS DER LIEBE

Wer legt fest, was Liebe ist? Was unterscheidet Irrsinn und Vernunft? Anna M. ist verliebt, hoffnungslos verliebt, krankhaft verliebt. Anna M. leidet am Clérambault-Syndrom, was andere Liebeswut, erotische Paranoia oder affektvolle Paraphrenie nennen. Erotomanie.
Michel Spinosa zeigt uns mit seinem dritten Spielfilm, nach seinem Erstlingswerk „Emmène-moi“ aus dem Jahr 1994 eine komplizierte Liebesgeschichte, wie er es bei der Berlinale, wo der Film im Panorama anna_mm.jpgSpecial gezeigt wurde, selbst formulierte. Eine Geschichte über die Liebe und ungehemmte Leidenschaft einer einsamen Frau, die verzweifelt versucht ihre Gefühle mit dem Mann ihrer Träume zu teilen, nämlich mit dem glücklich verheirateten Arzt, der ihr half, sich von einem Selbstmordversuch zu erholen. Anna M. führte vor ihrer Erotomanie ein abgeschottetes Leben.
Hoffnung, Enttäuschung und Ablehnung sind die drei Phasen, die Anna M., die von der vielseitigen Isabelle Carré, einer der meist gefragten Schauspielerinnen Frankreichs, gespielt wird, durchleben muss.

Der Film wurde bereits im vergangenen Frühling in Frankreich und Belgien ausgestrahlt und ist in der Sección Oficial des europäischen Filmfestivals in Sevilla als er jedes Mal in ausgefüllten Kinosälen voller Kinomachern und Kinofans gezeigt wird, vor Leuten, die zum einen Lust haben ihren Durst nach gutem Kino zu stillen und zum anderen die „kritischen Beurteilungen“ aufsaugen wollen, die schließlich erst den künstlerischen Wert des Filmes bestimmen. Mit exquisiten Bildern und exquisiter Musik versucht Spinosa uns in das Micro-Universum der süßen und zurückhaltenden Anna M. zu versetzen, in die isolierte und einsame Welt einer Person, die Bücher in einer Bibliothek restauriert und zudem noch erotomanisch ist.

Concha Hierro
Übersetzt von Björn Gillmann

13

11

2007

Il mio fratello é figlio unico (Mein Bruder ist ein Einzelkind)

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Regie: Daniele Luchetti.
Darsteller: Elio Germano (Accio), Riccardo Scamarcio (Manrico), Diane Fleri (Francesca), Angela Finocchiaro (Sra. Benassi), Luca Zingaretti (Mario Nastri), Anna Bonaiuto (Bella), Massimo Popolizio (Benassi), Ascanio Celestini (Pater Cavalli), Alba Rhorwacher (Violetta)

Accio ist der jüngere Sohn einer italienischen Arbeiterfamilie. Er, meist von seinen eigenen Wünschen gesteuert, verbringt die meiste Zeit damit sich selbst zu suchen und entfernt sich dabei immer mehr von den Traditionen, mit denen er aufgewachsen ist. Nachdem er in einer Klosterschule war und diese abgebrochen hat, sieht er in der neo-faschistischen Partei einen Weg gegen seine prekäre Situation zu rebellieren. Genau das ist im gesamten Verlauf des Films der Hauptdiskussionspunkt, vor allem weil sein Bruder Manrico ein Anführer der Linken ist und nicht so einfach die Ideologie seines Bruders akzeptieren kann. Letztendlich, und nach zahlreichen Auseinandersetzungen, merken beide, dass die politische Tendenz vielleicht gar kein Hindernis zwischen ihnen darstellen müsste und dass das Gespräch und das Überlegen über das, was sie machen, möglicherweise der klügste Weg ist.
mio_20fratello_20_E8_20figlio_20unico-locandina.JPG Dieser Film vom Regisseur Daniele Luchetti zeigt uns die politische Situation Italiens in den sechziger Jahren, als die Wirtschaftskrise und die Umstände nach dem Sturz des Mussolini- Regimes dafür verantwortlich waren, dass die Bürger verschiedene Visionen entwickelten, die häufig zu Auseinandersetzungen führten. Im Gegensatz zu anderen Produktionen sieht man in diesem Film das Alltagsleben einer Familie jener Zeit, mit ihren persönlichen Krisen, ihren Wünschen und Leidenschaften… im Grunde mit allem, was der Zuschauer braucht um sich vollends mit den Personen zu identifizieren.
In diesem Drama fehlt es auch nicht an humorvollen Situationen. Für diese sorgen fast immer Accios naive Gedanken sowie seine spezielle Art sich in einer Welt bemerkbar zu machen, auf der er nur durch Zufall zu leben scheint. Es ist außerdem überraschend, über welche verschiedenen Wege es Manrico und Accio versuchen zum gleichen Ziel zu kommen, nämlich Distanzen zu überwinden und somit die Situation der eigenen Familie zu verbessern. Alles in allem ist der Film „Il mio fratello é figlio unico“ eine Geschichte, die keineswegs etwas indoktrinieren will, sondern uns mit einer gewissen Einfachheit zwei entgegen gesetzte Lebensansichten präsentiert, obwohl beide vom gleichen Punkt ausgehen und beide das gleiche Ziel verfolgen. Dies gibt uns die Möglichkeit den Dialog zu analysieren, zu versuchen die Einstellungen der anderen zu verstehen und mit anderen Menschen zusammen zu leben, die, zum Glück, anders sind als wir selbst. Vielleicht, und trotz alledem, liegt der Schlüssel zur Verbesserung unserer eigenen Situation nicht in der Auseinandersetzung mit der Welt, sondern in der kleinen Revolution in unserem Umfeld, von der wir sicherlich mehr haben würden und zwar schneller und direkter.

María Neupavert Sánchez
Übersetzt von Björn Gillmann

11

11

2007

Der Junge im gestreiften Pyjama von John Boyne

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Es ist immer überraschend eine neue Darstellung von etwas zu entdecken, was man doch eigentlich schon kennt. Wer hat noch nie ein Buch über die Konzentrationslager im Dritten Reich gelesen, oder einen Film bzw. eine Dokumentation darüber gesehen? Oder wer hat dieses Thema noch nie detailliert in der Schule behandelt? Daher ist es umso unglaublicher, dass es dem Autor bei diesem Thema gelingt, dem Leser eine neue Perspektive zu eröffnen.
Ich sah das Buch zum ersten Mal (in spanischer Fassung) auf dem Tisch der Neuerscheinungen irgendeiner Buchhandlung als ich mal wieder einen meiner Spaziergänge machte und nach einem Cover suchte, das mir förmlich ins Auge springt. Dies tat es, ganz sicher. Von weitem konnte ich nur die blassen, bläulichen Streifen erkennen. Als ich näher herantrat und den Titel lesen konnte, dachte ich, dass ich dieses Buch unbedingt lesen muss. Ich drehte es um, um meine Neugier auf den Inhalt zu besänftigen. Doch das Einzige, was mir gelang war, diese Neugier noch zu verstärken. Ich verließ die Buchhandlung ohne das Buch, da ich kein Portemonnaie dabei hatte.
Boy_20Spain.jpg Einige Tage später kommentierte ein Gast einer Gesprächsrunde im Radio die Schlichtheit des Buches Der Junge im gestreiften Pyjama. Ich hatte das Gefühl, dass mich dieses Buch verfolgt, so dass ich es mir bei der nächsten Gelegenheit kaufte, allerdings mit etwas Angst, dass es mich nach so langem Warten eventuell enttäuschen könnte.
Mittlerweile kann ich aber sicher sagen, dass diese Befürchtung nicht eingetreten ist, denn das Buch hat mich völlig in seinen Bann gezogen. Es ist schon sehr lange her, dass ich ein Buch las, während ich auf der Straße unterwegs war oder dass ich neue Möglichkeiten erfand, um auch an Orten lesen zu können, wo ich bis dato noch nie gelesen hatte. Alles, um Bruno weiter kennen zu lernen.
Ich werde nicht viel mehr über den Inhalt erzählen, denn die Magie des Buches besteht darin, ihn zu entdecken. Es sei nur gesagt, dass es schon lange her ist, dass ich an einer Darstellung der Realität Teil hatte, die einerseits so kindlich und süß ist und gleichzeitig doch so schrecklich grausam. Die Geschichte erinnert an „Das Leben ist schön“, doch sobald man versucht Bruno mit Giosué zu vergleichen, wird man überrascht, denn eigentlich sind die beiden „total gegensätzlich“, oder vielleicht auch nicht, oder doch...

Weitere Informationen finden sie auf der offiziellen, englischsprachigen Internetseite von John Boyne (www.johnboyne.com). Dort finden Sie alles von Biografien über Artikel bis hin zu kurzen Erzählungen.

„Der Junge im gestreiften Pyjama“ ist eins der neuesten Werke des irischen Schriftstellers. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und in den verschiedensten Ländern veröffentlicht, von Australien über Israel nach China, Brasilien, Italien und in vielen anderen mehr. In Spanien erschien das Buch dieses Jahr im Salamandra-Verlag.
Obwohl das Umschlagbild bei den meisten Auflagen beibehalten wurde, entschied man sich in Australien, England und Deutschland (Anmerkung des Übersetzers) für andere Cover. Meiner Meinung nach ist das Bild allerdings ein Teil des Geheimnisses dieses Werkes.
Miramax/Disney hat es sich bereits zur Aufgabe gemacht unter der Leitung von Marc Herman einen auf dem Roman basierenden Spielfilm zu drehen. In Spanien wurde dieser Film bisher noch nicht gezeigt. Bleibt nur zu hoffen, dass diese wundervolle Geschichte nicht dem Film zum Opfer fällt.

Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Björn Gillmann

Aleksandra

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Russland, Frankreich, 2007
Regie: Alexander Sokurov.
Darsteller: Galina Vishenevskaya, Vasily Shevtsov

Aleksandra Nikolaevna ist eine alte Frau, über 70, die ihren Enkelsohn, einen jungen Offizier, in seinem Zu Hause besucht. Er wohnt in einem Militärcamp in Tschetschenien. Während ihres Familienbesuchs bemerkt Aleksandra, die von der Sopranistin Galina Vishnenskaya wunderbar gespielt wird, dass die Einrichtungsgegenstände durch Waffendepots ersetzt wurden, dass das Vergnügen einer Dusche durch die Vergessenheit derjenigen gestört wird, die blutbefleckte Uniformen tragen, dass man weniger isst, als man ausgibt und dass ihr Enkel einen Beruf ausübt, der psychische Krankheiten als lebenslange Pension garantiert.

An diesem Ort, der vom russischen Cineasten Alexander Sokurov entworfen wurde, gibt es keinen Tee und keine Zwischenmahlzeiten, sondern nur Jugendliche, die kaum zwanzig Jahre alt sind mit Wüstenstaub übersäht sind und auf einen Feind ohne Gesicht warten.
aleksandra.jpg Das Werk, das diese Woche in der offiziellen Auswahl der Sección Oficial des Festivals in Sevilla antritt, so wie es auch bereits in Cannes der Fall war, verfügt über ein exquisites Szenenbild: Es ist interessant, wie der Regisseur die mangelnde Beweglichkeit einer alten Frau benutzt um dem Abrupten eines Kriegsschauplatzes mehr Nachdruck zu verleihen, oder wie das Szenenbild in verzehrendem gelb gehalten ist, oder wie das Weiß des kilometerlangen Glacis, das das Militärcamp umgibt, das Bild bestimmt.

In dem eineinhalbstündigen Film gelingt es dem Regisseur den Betrachter in einen pulsierenden Zustand zu versetzen, der unterstreicht, dass der Krieg schon zur Routine geworden ist, obwohl er doch theoretisch eine Ausnahme in menschlichen Konflikten darstellen sollte. Dieser anerkannte russische Filmemacher lässt sich vom Film Der Spiegel (1974) von Andréi Tarkovsky, Regisseur von ungefähr 50 Filmen inspirieren. Er war u.a. an der Produktion folgender Filme beteiligt: Die Trilogie über die totalitären Herrscher: Molokk (1999) über Hitler, Taurus (2001) über Lenin und El Sol über den Enroberer Hiro Hito. Es gefällt uns oder es gefällt uns nicht. Die Situation des Waffenreinigens ist in vielen Orten der Welt Alltag und mit dem Film Alexandra (2007) verfolgt er weiter seine Linie, die er schon vor mehr als dreißig Jahren gefunden hat: Ob man den Film nun als filmische Poesie abtut, angenehm oder nicht, muss jeder selbst entscheiden, fest steht jedenfalls, dass der Film einen nicht unberührt lässt.

Paola García Costas
Übersetzt von Björn Gillmann

10

11

2007

Börn (Children)

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Island, 2006
Regie: Ragnar Bragason.
Darsteller: Gísli Örn Garaoarsson, Nína Dog Filippusdöttir, Ólafur Darri Ólafsson, Andri Snaer Magnasson.

Börn ist der vorletzte Film des isländischen Regisseurs Ragnar Bragason. Danach folgte noch der zweite Teil mit dem Namen „Parents“, der dieses Jahr bereits in den Kinos lief. Der Regissuer machte sein Debüt im Jahr 2000, in dem Jahr, wo er den Jurypreis des Festivals in Kairo sowie den isländischen Kulturpreis erhielt. Darüber hinaus wurde er für sechs „Edda“ Preise nominiert (Preise der isländischen Kino Akademie), von denen er letztendlich zwei erhielt: für den besten Videoclip und die beste Fernsehkomödie. Sein Drehbuch für den Film „The Whisperer“ wurde beim Sundance-Filmfestival 2003 für das Drehbuch des Jahres nominiert. Seine Art von Videoclips und Werbespots erlangte internationales Ansehen.
B_rn.jpg Es lohnt sich wirklich den Film zu sehen. Es ist ein authentisches mit unglücklichen Menschen bestücktes Drama: Karitas, allein erziehende Mutter von drei kleinen Töchtern und einem Sohn, deren Verantwortung ihre Fähigkeiten übersteigt; ein Vater, der seinen Sohn sucht und dabei versucht eine zweite Chance zu bekommen und der Welt voller Gewalt zu entfliehen, in die er eingetaucht ist; ein Geisteskranker, der mit seiner Mutter zusammen lebt und dessen einziger Freund Gudmund ist, der Sohn von Karitas. Es ist ein Film über Väter und Söhne, er macht seinem Namen, ohne Zweifel, alle Ehre, ein Film über zwischenmenschliche Beziehungen von Kindern. Es ist ein Film voller unglücklicher Leben, aber auch vom Versuch dies zu verändern. Die Frage, die der Film aufzuwerfen scheint ist die folgende: Ist es immer möglich etwas zu ändern oder kommt der Moment, wo es dafür zu spät ist? Wer kann dir wieder vertrauen?
Wenn man dem Sprichwort glaubt, ist es nie zu spät. Dieses Sprichwort schien mir immer für amerikanische Filme passend zu sein, nicht aber für europäische, die immer mit einem größeren Pessimismus versehen sind. Man sollte den Film auf jeden Fall schauen und sich selbst ein Urteil bilden. Ich hätte den Film am Liebsten fünf Minuten vor dem Ende, mit der Großaufnahme des Gesichtes des Vaters im Krankenhaus, abgeschlossen, auch wenn die letzten fünf Minuten möglicherweise unbedingt notwendig waren. Oft brauchen wir eben einen Funken Hoffnung. Der Applaus am Ende war, meiner Meinung nach, völlig verdient.

Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Björn Gillmann

The Monastery: Mr. Vig and the Nun

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Dänemark, 2007
Regie: Pernille Rose Gronkjaer
Genre: Dokumentarfilm

Freud sagte, wenn du von einem Haus träumst, ist dieses Haus eine Metapher dafür, wie du bist, wie es in deinem Inneren aussieht. Der Traum, ein altes Schloss in ein orthodoxes Kloster umzubauen kann somit den Hauptdarsteller dieses liebevollen Dokumentarfilms charakterisieren: Mr. Vig, 86 Jahre. Um seinen Traum zu realisieren bekommt er Hilfe von einigen Nonnen, unter denen sich die Schwester Ambrosijae befindet.
the_monastery.jpg Der Dokumentarfilm zeigt also wie durch das Eintreten dieser neuen Personen in das Leben des Mr. Vig eine parallele Reise zu der Entwicklung des Schlosses beginnt. Es ist die persönliche Reise, in der er bemerkt, dass er vielleicht der Einsamkeit und der Langenweile überdrüssig ist wie das Gemäuer, das er verwandeln will und dass er, so sehr er neue Räume für das Kloster schaffen will, gleichermaßen neue Räume in seinem Leben für die anderen und für sich öffnen muss. Mr. Vig erinnert uns in dem Meisterwerk ein wenig an diesen Don Justo Gallego, diese berühmte Persönlichkeit Spaniens. Seine Berühmtheit erlangte er durch den jahrzehntelangen Bau einer Kathedrale mit Altmaterialien in dem Ort Pueblo de Mejorada del Campo nahe Madrid. Dieses Werk konnte man als Beispiel einer Selbstüberwindung in einer Werbung für einen Energy- Drink sehen.
Mr. Vig hat genauso wie Don Justo einen „spirituellen“ Traum, einen Traum mit „göttlichen Toren“ und lustigen Wegen.
Der Film wurde diese Woche in der spanischen Festivalstadt gezeigt. Er wurde in mehreren Jahren vom Regisseur Pernille Rose gedreht und wurde letztes Jahr Sieger beim Internationalen Dokumentarfilmfestival in Amsterdam, was als größtes Treffen von Dokumentarfilmern, Käufern und Zuschauern gilt. „The Monastery“ ist ein inniger und gelungener Dokumentarfilm über einen Mann und noch viel mehr über dessen Idee seine Träume zu verwirklichen, oft beinhaltet dies auch, dass er schwierigere Hürden überwinden muss als man denkt. Aber diese Schwierigkeit bringt auch das Mysterium mit sich, eine ungelernte Lektion anzunehmen, mit 20 Jahren, 40 oder 86. So wie im Fall Mr. Vig.

Paola García Costas
Übersetzt von Björn Gillmann

Irina Palm

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Belgien, Deutschland, Luxemburg, Vereinigtes Königreich, Frankreich, 2007
Regie: Sam Garbarski.
Darsteller: Marianne Faithfull, Miki Manojlovic, Kevin Bishop.

In einem der größten Kinosäle des Nervión Plaza, der zudem bis zum letzten Platz gefüllt war, konnten wir gestern der einzigen öffentlichen Vorführung dieses Filmes während des diesjährigen Europäischen Filmfestivals in Sevilla beiwohnen. Der Film, der in nicht weniger als fünf Ländern produziert wurde und in englischer Originalfassung gezeigt wurde enttäuschte sein Publikum nicht, das am Ende sogar applaudierte, obwohl keine Schauspieler oder Regisseure anwesend waren.
Irina_Palm.jpg Bei der Geschichte handelt es sich um ein Drama. Es erzählt eine klare und stellenweise harte Geschichte. Der Film beschreibt die Anstrengungen, die eine Oma auf sich nimmt, um Geld für die Bezahlung einer Behandlung ihres Enkels im Ausland aufzutreiben. Sie scheut dafür keine Mühen, auch wenn sie sich dabei unter ihrer Würde verkaufen muss.
Außerdem wächst Irina Palm (Künstlername der Oma) persönlich im Verlaufe des Films; sie wird noch einsamer sein, aber gleichzeitig wird sie freier auszuwählen, wer sich an ihrer Seite befindet.
Darüber hinaus übt der Film scharfe Kritik an einem Bereich der oberflächlichen „Tratschmaulgesellschaft“, in der es keine wahren Freundinnen gibt und wo Aufrichtigkeit nur durch Abwesenheit glänzt und wo ein Gerücht mehr zählt als irgendetwas anderes. Es ist aber ebenfalls die Geschichte, in der die Personen, von denen man es am wenigsten erwartet, die besten sind. Und nicht nur das, der Film beinhaltet auch noch eine außergewöhnliche und spannende Liebesgeschichte, eine ungewöhnliche Liebe… oder besser noch, nicht nur eine einzige Liebe, sondern Liebe verschiedener Arten.
Die Hauptdarstellerin Marianne Faithfull, die bis dato dazu verurteilt schien, nur ein „eingeladener Star“ zu sein, spielt eine Rolle, die ihr wie auf den Leib geschnitten scheint. Der Film gilt als einer der Favoriten des diesjährigen Festivals. Er war auch schon bei der Berlinale vertreten, wo er allerdings keinen Golden Bären erhielt. Außerdem wurde er beim fünften Festival Internacional de Cine in Morelia gezeigt. Wir werden nun noch einige Tage warten müssen, um zu erfahren, ob er einen Preis in Sevilla erhält.

Sara Domínguez Martín
Übersetzt von Björn Gillmann

Gengenüber

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Deutschland / 2007
Regie: Jam Bonny
Drehbuch: Jam Bonny y Christina Ebelt
Produktion: Bettina Brokemper y Andrea Hanke (Heimatfilms WDR) Darsteller: Georg (Matthias Brandt) & Anne (Victoria Trauttmansdorff)

Eine gestörte Gesellschaft

Nichts ist normal als uns Jam Bonny, Newcomer aus Köln, in sein Erstlingswerk „Gegenüber“ in das Geflecht des für die Gesellschaft augenscheinlich perfekten Alltagslebens von dem Ehepaar Georg und Anne einführt. Er ist Polizist und eher ein lässiger Charakter. Sie ist Lehrerin und braucht und gibt Zuneigung.
Die Probleme ihrer Beziehung verwandeln sich in störende Trugbilder zwischen ihnen: Ihre Gefühle für ihn verschwinden und Gewalt dient ihr als Ventil zum Druckablassen. Er steht der Gewalt seiner Frau gelassen gegenüber und tut so, als ob dies alles nicht so schlimm sei.Gengen_ber.jpg Mit einem ausgeklügelten Drehbuch und einer detaillierten Beschreibung der Hauptdarsteller liefert Jam Bonny eine Geschichte, die in Realität viel öfter existiert als es scheint: Die Gewalt der Frau gegen den Mann. Die Gewalt ist der Mittelpunkt des Films um den sich die ganze Geschichte dreht, doch „Gegenüber“ handelt auch von der Unfähigkeit zu kommunizieren, der Schwierigkeit des Zusammenlebens, der emotionalen Abhängigkeit, der Einsamkeit, dem Verlangen nach sozialer Anerkennung der Frau, der Anpassung der sozialen Mittelschicht und den sozialen Konventionen.
Die Darstellung von Victoria Trauttmansdorff (Anne) und Matthias Brandt (Georg) sind mit einer intimen Spannung geladen, die am Rande der emotionalen Grenzen steht, die den Zuschauer einlädt, sich den Personen anzunähern ohne sie als Opfer oder Henker zu verurteilen. Der Regisseur sagt selbst auf einer Pressekonferenz, dass er nicht die Absicht hat, diese Unterscheidung vorzunehmen. „Zwischen Opfer und Täter zu unterscheiden wäre ein falsches Mittel wenn man vorgibt zu verstehen, was wirklich passiert.“ Der Film handelt von „zwei Personen, die sich selbst suchen, alleine, mit ihrer Angst und ihrem Wunsch“.

Concha Hierro del Hoyo
Übersetzt von Björn Gillmann

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